Sonntag, 1. Januar 2017

[REZENSION] Libellen im Kopf

Redakteur: Christiane Demuth

Titel: Libellen im Kopf (OT: The Mirror World of Melody Black)
Autor: Gavin Extence
Übersetzer: Alexandra Ernst
Verlag: Limes
Reihe: -/-
Ausführung: Hardcover, 352 Seiten



Autor:
Gavin Extence, geboren 1982, wuchs in der englischen Grafschaft Lincolnshire in einem kleinen Dorf mit dem interessanten Namen Swineshead auf. In seiner Kindheit machte er eine kurze, aber glanzvolle Karriere als Schachspieler; er gewann zahlreiche nationale Turniere und reiste nach Moskau und St. Petersburg, um sich dort mit den besten jungen Denkern Russlands zu messen. Er gewann nur ein Spiel.
Sein erster Roman »Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat« schlug in Großbritannien ein wie ein Meteorit – Alex Woods eroberte die Herzen der Leser im Sturm und die Presse feierte den Roman als DIE Entdeckung des Jahres.


LIBELLEN IM KOPF

Abby hat einen Job, der ihr Spaß macht, ist augenscheinlich in einer glücklichen Beziehung, einzig das Verhältnis zu ihrer Familie, insbesondere zu ihrem Vater, ist ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Und doch ist da noch so viel mehr. Als Abby eines Tages ihren Nachbarn Simon tot in dessen Wohnung auffindet, scheint ein Schalter umgelegt worden zu sein. Euphorische und depressive Phasen treten häufiger und intensiver auf denn je, Abbys inneres Gleichgewicht ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Trotz der Diagnose einer bipolaren Störung ist und war sie immer der Meinung irgendwie doch alles im Griff zu haben. Dann aber läuft etwas aus dem Ruder und Abby findet sich in einer psychiatrischen Einrichtung wieder...

Ich stellte die Dose mit den Tomaten neben den Herd.
„Simon ist tot“, sagte ich. Anders konnte ich es nicht ausdrücken.
„Tot.“ Er schaut mich an, als würde er auf die Pointe warten. „Was denn – wollte er die Dose etwa nicht kampflos aufgeben, und du hast ihn alle gemacht? Das würde zumindest erklären, wo du so lange gesteckt hast.“
Ich schmollte. „Das ist kein Scherz. Er war schon tot, als ich reinkam. Er sitzt in seinem Sessel.“ (S. 14)

Bereits mit „Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ist Gavin Extence ein außergewöhnlicher Roman gelungen. Nun schickt er mit Abby eine weitere Randfigur ins Rennen, die jedoch viel häufiger in der Gesellschaft anzutreffen ist als man womöglich denken würde. Psychische Erkrankungen werden zwar am liebsten nach wie vor unter Verschluss gehalten, doch gerade dadurch ist es umso wichtiger aufzuzeigen was Menschen wie Abby fühlen und denken. Es ist nicht immer alles nur dunkel und trist, auch muss einem der Humor nicht abhanden kommen. Sicherlich zeigt das Bild, das der Autor von seiner Protagonistin zeichnet, teilweise auch Übertreibungen auf, und doch spürt man eindeutig die Authentizität des Ganzen.

Da Abby ihre Geschichte selbst erzählt ist man als Leser schnell gefangen in dieser Welt, die teilweise anderen Regeln zu folgen scheint. Gleichzeitig ist man fasziniert und gefesselt von dieser Person, die scheinbar nicht von allen verstanden wird. Gerade emotional ist man sehr nah dran, Höhen und Tiefen schlagen sich im eigenen Gefühlswirrwarr nieder, von dem man noch nicht ahnt in welche Richtung es sich entwickeln wird. Sicher ist jedoch, dass man bereit ist an Abbys Seite zu bleiben, nicht nur auf Grund der gewählten Erzählperspektive.

Gavin Extence berührt mit diesem aufwühlenden Roman nicht nur, er macht Dinge sichtbar und existent, die häufig unter der Oberfläche brodeln. Charmant, witzig und gleichzeitig nachdenklich stimmend, wird Abbys Geschichte noch einige Zeit in den Köpfen der Leser nachklingen.


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