Dienstag, 23. August 2016

[REZENSION] Flutlicht


Redakteur: Anette Leister

Titel: Flutlicht (OT: Overspoeld)
Autor: Gideon Samson, Julius 'T Hart
Übersetzer: Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
Ausführung: Hardcover, 176 Seiten



Autor:
Gideon Samson, geb. 1985 in Den Haag, veröffentlichte mit 22 Jahren sein erstes Buch. Er ist der jüngste Autor, der jemals mit dem Silbernen Griffel ausgezeichnet wurde. Flutlicht erhielt 2015 als bestes Jugendbuch in der Alterskategorie 12-15 Jahre den Goldenen Bilderrahmen. Auch in Deutschland standen Samsons Bücher bereits zweimal auf der Liste Die besten 7.


FLUTLICHT

An dem Abend des WM-Endspiels 2010 zwischen Spanien und den Niederlanden wird Pieter durch eine Freundschaftsanfrage auf Facebook blitzartig in seiner Erinnerung nach Sri Lanka katapultiert zur Zeit des Dezember 2004: Dort macht Pieter ein Auslandsjahr nach seinem Schulabschluss und unterrichtet an einer Schule blinde und taubstumme Kinder. An dem Wochenenden ist er häufig mit seinem Freund John in Touristengebieten unterwegs, die beiden genießen das faule Leben am Strand im Ausgleich zu ihrem Job während des Freiwilligenjahres. Im Dezember 2004 lernen sie an einem dieser Strandabende zwei schwedische Mädchen kennen, Elin und Isabelle, zwischen Pieter und Elin knistert es vom ersten Augenblick an. Doch irgendetwas muss in den nächsten Tagen vorgefallen sein, dass Pieter zwar Elin nie vergessen hat, aber über Isabelle und alles andere aus dieser Zeit am liebsten einen Mantel des Vergessens breiten würde:
Am 26. Dezember 2004 ereignete sich durch ein Erdbeben im Indischen Ozean eine der schlimmsten Tsunamikatastrophen der Geschichte. Durch einen zunächst ärgerlichen, aber letzten Endes sehr glücklichen Zwischenfall werden Pieter und Elin am nächsten Morgen des gemeinsam verbrachten Strandabends nicht direkt am Wasser vom Tsunami überrascht und in den Tod gerissen, sondern in ihren Guest Houses, die etwas weiter im Landesinneren liegen, aber nicht weit genug, um der Katastrophe entgehen zu können, aber immerhin weit genug, um mit dem Leben davon zu kommen...
Was folgt sind die Erlebnisse von Pieter und John, die den Tsunami in Sri Lanka erleben und ihm entkommen, Momentaufnahmen von glücklichen Wiedersehen und einzelnen geretteten Personen, im Gegenzug dazu jedoch die abertausenden Menschen, die auf Grund der Katastrophe ihr Leben verloren haben und die Zerstörung im ganzen Land. Der Autor benennt nicht jedes Grauen direkt, welches Pieter oder John unter die Augen kommt, aber durch die Kommunikation zwischen den beiden, die häufig ohne jedes Wort auskommt, kann man sich das Unheil trotzdem vor Augen rufen.

Besonders erwähnenswert und herausragend ist der ungewöhnliche Aufbau des Romans, der in Abschnitte unterteilt ist, die an den Ablauf eines Fußballspiels angelehnt sind:
Vorbetrachtung
Erste Hälfte
Halbzeit
Zweite Spielhälfte
Verlängerung

Die Freundschaftsanfrage auf Facebook stammt im Übrigen von Elin... Kann Pieter den Mantel von den Ereignissen des Dezember 2004 nehmen und der Freundschaft zu Elin eine zweite Chance geben?

Die Verknüpfung zwischen Gegenwart und Vergangenheit durch den stetigen Wechsel in der Erzählung und der Verknüpfung zu dem WM-Endspiel ist sehr gelungen und man kann das Buch kaum zur Seite legen, da man schnell erkunden möchte, wie sich Pieter und Elin in Sri Lanka kennengelernt haben und warum Pieter zwar immer an sie denkt, dabei aber Isabelle am liebsten vergessen möchte.
Pieter und John verarbeiten ihre Erlebnisse vor Ort und in den Folgejahren auf völlig unterschiedliche Art. Der Autor benennt dies nicht direkt, aber durch das Verhalten der beiden wird dem Leser klar, wie sie die Katastrophe verarbeiten. Ebenso haben mir die unterschiedlichen Momentaufnahmen aus den Leben verschiedener Personen gefallen, denen Pieter und John nach der Katastrophe begegnen. Nur das Zusammentreffen zwischen den beiden mit Elin und Isabelle hätte ich mir ausführlicher gewünscht, für mich blieb das ganze zu blass, um die großen Gefühle zwischen Pieter und Elin zu verstehen oder um Isabelle zu vermissen.

Bis auf kleine Kritikpunkte ein sehr fühlbarer biographischer Zeitzeugenbericht und Roman, der den Leser das Grauen des Tsunami von 2004 hautnah spüren lässt. Die Geschichte in Anlehnung an ein Fußballspiel aufzubauen, lässt die Erzählung noch eindringlicher wirken, man hat das Gefühl die Zeit läuft ab... den Fußballspielern, um das entscheidende Tor zu schießen, den beiden Jungs in Sri Lanka ihr eigenes und das Leben von anderen zu retten. Zudem schafft der Bezug eine noch engere Bindung an ein jugendliches Lesepublikum, da Sri Lanka und der Tsunami zwar ferne und beinahe unbegreifliche Eindrücke bieten, das Ganze aber aus der Sicht eines normalen, fußballbegeisterten Jungen erlebt und erzählt wird, mit dem man sich leicht identifizieren kann.

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