Donnerstag, 11. August 2016

[REZENSION] Das hier ist kein Tagebuch


Redakteur: Anette Leister

Titel: Das hier ist kein Tagebuch (OT: Dit is geen dagboek)
Autor: Erna Sassen
Übersetzer: Rolf Erdorf
Verlag: Freies Geistesleben
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
Ausführung: Tageskalender, 183 Seiten



Autor:
Erna Sassen, geboren 1961 in Beverwijk / Niederlande, trat nach ihrer Ausbildung an der Theaterschool in Amsterdam in Musicals, Theatervorstellungen und im Fernsehen auf. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn Mats und ihrer Tochter Micky in Haarlem.


DAS HIER IST KEIN TAGEBUCH

"Das hier ist kein Tagebuch" ist von der Aufmachung aber eben wie eines aufgemacht: das Cover fühlt sich an wie ein fester Tageskalender und die ebenen Kanten des Buchblocks zum Einband vermitteln ebenfalls diesen Eindruck.

Der Inhalt besteht aus den Gedanken Boudewijns genannt Bou, der einige Zeit nach dem Freitod seiner Mutter jeglichen Lebenswillen aus den Augen verliert. Da sein Vater lange genug mit der depressiven Mutter sein Leben geteilt hat, erkennt er die Anzeichen zum Glück frühzeitig und zwingt Bou seine Zeit wenigstens stundenweise täglich mit Inhalt zu füllen: Musik hören und Tagebuch schreiben. Die Worte, die Bou auf die Vorsatzseiten seines Tagebuch schreibt, findet man auch auf den Vorsatzseiten dieses Romans: FÜR UNBEFUGTE VERBOTEN.
Bous Gedanken sind von Hass erfüllt. Für Leser, die noch nie mit Depressionen konfrontiert waren, mag dies unglaublich klingen, aber genau dies sind die bestimmenden Gedanken, die man monate- oder jahrelang mit sich herumträgt. Keine Trauer über den Verlust, sondern grenzenloser Hass auf die Person, die den vermeintlich einfacheren Weg gewählt hat. (Manche Menschen tragen diesen Hass sogar für den Rest ihres Lebens im Herzen, meine Schwester ist dafür ein Paradebeispiel, die alle Menschen mit Depressionserkrankungen als Geisteskranke abstempelt und laut eigener Aussage froh über den Selbstmord unserer Mutter ist.) Zum Glück besitzt Bou einen Vater, der nicht die Augen vor seinem Schicksal und dem seiner Kinder verschließt, so dass Bou irgendwann vielleicht wieder ein glücklicher Mensch wird. In der schweren Zeit gibt es zwei Anker, die Bou in einem einigermaßen ruhigen Gewässer halten: seine Tante, die trotz oder vielleicht auch wegen des eigenen Verlusts Verständnis für Bous Hass auf die verstorbene Mutter zeigt, und seine siebenjährige Schwester Fussel, die zu klein war, um den Verlust der Mutter wirklich zu betrauern und vor allen Dingen zu klein war, um ihre depressive Erkrankung bewusst zu erleben. Die Schwierigkeiten sich sozial zu binden für einen Menschen, der depressive Züge in sich trägt wie Bou, erkennt der Leser an der aufkeimenden Freundschaft zu seiner Schulkameradin Pauline, die beinahe schneller endet als sie beginnt.

Auf Grund des Tagebuchstils und Bous Widerwillen ist das Buch teilweise sehr sperrig zu lesen. Zudem hätte ich mir am Ende zu manchen Dingen mehr Details gewünscht beziehungsweise noch eine gewisse Weiterentwicklung der Personen, um zu ahnen, wie es mit Bou, seiner Familie und mit Pauline weitergeht, der Schluss ist doch recht offen. Gerade in die Gefühlswelt seines Vaters hätte ich sehr gerne einige Einblicke mehr gehabt. Wie hat er den Tod seiner Frau bislang verarbeitet, so dass er nun die Kraft hat seinen Sohn vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren?
Trotzdem bin ich mehr als froh, dass es Bücher wie "Dies hier ist kein Tagebuch" gibt, um unsere Gesellschaft für das Thema Depressionserkrankungen zu sensibilisieren, dass leider noch viel zu häufig  - ein makaberes Wortspiel - totgeschwiegen wird.


Weitere erhältliche Ausgaben:

EBOOK

Kommentare:

  1. Oh, das wusste ich gar nicht, das muss euch als Hinterbliebene ja ganz schlimm sein. Ich hoffe, deine Schwester kann sich irgendwann gedanklich mit deiner Mutter versöhnen. Suizidgefährdete können denke ich nicht mehr erkennen, was sie anderen antun. Hast du vor Kurzem den Suizid des Bloggers Johannes Korten mitbekommen? Ich muss ständig an ihn und seine Kinder denken, die noch zu klein sind, um etwas verstehen zu können. Ich hoffe, sie werden ihren Vater später nicht verurteilen. Ich bin ja selbst depressionskrank, wenn auch nicht suidzidgefährdet, das Thema muss in der Gesellschaft wirklich mehr angegangen werden.

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    1. ICh bezweifle, dass meiner Schwester nach weit mehr als 30 Jahren noch zu helfen ist, ganz davon abgesehen, dass sie ja nicht "gestört" ist. Ich habe mit dem Thema geschlossen und den Kontakt zu ihr vollständig eingestellt.
      Ja, den Suizid von Johannes Korten habe ich mitbekommen. Ich kannte ihn nur durch den Virenschleuderpreis vom letzten Jahr. Vor allem hat er ja kurz zuvor noch einen Hilferuf auf seinem Blog abgesetzt. Manche wollen wohl noch gerettet werden, anders kann ich mir seinen Eintrag nicht erklären. Er hätte sicher gerne für seine Familie weitergelebt.
      Ich bin auch depressionskrank, schon lange, habe es aber auch über Jahre übergangen, wollte immer irgendwie funktionieren, bis es nicht mehr ging.

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