Dienstag, 18. August 2015

[REZENSION] Liebe ist was für Idioten. Wie mich.

Redakteur: Anette Leister

Titel: Liebe ist was für Idioten. Wie mich.
Autor: Sabine Schoder
Verlag: Fischer KJB
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahre
Ausführung: Klappenbroschur, 352 Seiten



Autor:
Sabine Schoder, Jahrgang 1982, hat Graphikdesign in Wien studiert und einige Partys in dunklen Bars gefeiert. Ob sie ihren Jay Feretty dort gefunden hat, bleibt ein Geheimnis. Heute lebt sie fernab vom Großstadttrubel in Vorarlberg. ›Liebe ist was für Idioten. Wie mich.‹ ist ihr Debüt.


LIEBE IST ETWAS FÜR IDIOTEN

"Liebe ist etwas für Idioten. Wie mich." erscheint von Covergestaltung, Titel und Klappentext zunächst wie ein lockerleichter Jugendlieberoman, doch hinter dieser Fassade steckt so viel mehr:

Mit ihrem Debüt hat Sabine Schoder einen sehr vielschichtigen und tiefgründigen Jugendroman geschrieben, der neben der ersten wirklichen Liebe auch Themen wie Drogenprobleme und (psychische) Kindesmisshandlung behandelt.
Die siebzehnjährige Viktoria wächst bei ihrem Vater auf. Ihre Mutter ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben, seitdem hat sie ihre Gefühle in sich verschlossen und nicht mehr geweint. Wohlüberlegt schreibe nicht, dass sie bei ihrem alleinerziehenden Vater aufwächst, eigentlich sollte ich noch nicht einmal das Wort Vater hier gebrauchen, da außer der biologischen Tatsache, dass der Mann Viktoria gezeugt hat, die beiden nichts Positives miteinander verbindet. Viktorias Vater trinkt und schreit, die Wohnung versinkt im Chaos, da Viktoria nichts auf die Reihe bekommt, am liebsten würde sie dort gar nicht mehr auftauchen, wenn sie bereits volljährig wäre. So verzieht sie sich zumeist in ihr Zimmer, das sie von innen abschließen kann und geht ihrem Vater so gut wie es geht aus dem Weg.
Jay, mit dem Viktoria nach einer verkifften Nacht einen One-Night-Stand verbringt scheint oberflächlich und arrogant. Doch ein zufälliges Wiedersehen mit Jays Mutter führt dazu, dass Viktoria sie Situation hinterfragt, ob hinter dieser Partyfassade von Jay Ferrety nicht doch mehr steckt, als es auf den ersten Blick scheint, denn keiner weiß, warum er von einem Tag auf den anderen die Schule geschmissen hat oder seine Mutter in psychologischer Behandlung ist.
Ist Viktoria einfach nur neugierig, welche Geheimnisse Jay verbirgt oder entwickelt sie tatsächlich Gefühle für ihn? So ganz ist sie sich darüber selbst nicht im Klaren und auch mit ihren besten Freundin kann sie lange Zeit nicht darüber reden beziehungsweise ihre tatsächlichen Gefühle offenbaren. Viktoria steht sich selbst im Weg - zulange hat sie keine Gefühle zugelassen und sich hinter schwarzen Klamotten, Bergen von Dreck und schlechten Schulleistungen versteckt. Sie glaubt sowieso nicht daran, dass jemand sie lieben könnte und will nicht gegenlieben aus Angst darüber erneut im Stich gelassen zu werden.

Ihre Kleider hängen im Schrank, selbst ihre Schuhe sind noch da. Niemand hat mir gesagt, dass man auch Tannebäume und Geschenke verliert, wenn Mama stirbt.
Oder dass keiner mehr übrig bleibt, der mich zum Trost in die Arme schließt. (S.114)

"Liebe ist etwas für Idioten. Wie mich." ist ein überragendes Werk was die Figurenzeichnung und die durch sie vermittelten Gefühle angeht. Sabine Schoder unternimmt mit ihren Lesern eine Berg- und Talfahrt, wobei leider meistens Täler durchfahren werden in einem Wechselbad der Gefühle von Trauer und Wut. Gerade Viktorias Vater ist ein furchtbares Beispiel dafür, wie die Ablehnung eines Elternteils und darüberhinaus dessen Suchtprobleme die Zukunft eines Kindes bzw. Jugendlichen in den Dreck fahren können. Teilweise versucht Viktoria sogar noch sich in die Lage ihres Vaters hineinzudenken, wie es für jemanden sein muss in relativ jungen Jahren allein mit einem heranwachsenden Kind zurückzubleiben, aber das Verhalten des Vaters ist und bleibt unentschuldbar. Jays Familie hat ebenfalls schwerwiegende Probleme, aber im Gegensatz zu Viktorias Vater versuchen dessen Eltern damit umzugehen und damit zu Leben, sie suchen sich Hilfe von außen und nicht in einer Sucht, die alles nur verschlimmert.

Für Sabine Schoders Debütroman sollte man starke Nerven und einen Stapel Taschentücher beim Lesen parat haben, ihr werdet beides brauchen! Was sie mit dem Leser macht ist auch schon fast unentschuldbar ;) Trotzdem habe ich mit diesem intensiven und bewegenden Roman eines der Jugendbuchhighlights des Jahres gelesen und kann ihn uneingeschränkt weiterempfehlen.

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