Donnerstag, 5. März 2015

[INTERVIEW] Interview mit Anna Ruhe

Redakteur: Anette Leister



Liebe Frau Ruhe,
vielen Dank, dass ich Ihnen einige Fragen zu Ihrer Arbeit und ihrem Buch „Seeland“ stellen darf.

Welche Bücher haben Sie als Kind und Jugendliche gerne gelesen und lesen Sie heute noch zum Privatvergnügen Bücher, die speziell für diese Zielgruppe geschrieben wurden?

Ohne Astrid Lindgren wäre ich wahrscheinlich nur halb so gut durch meine Kindheit gekommen. Sie war meine Heldin und ist bis heute die einzige Person, der ich jemals Fanpost geschrieben habe. Ihre Bücher konnten mich, wenn ich krank war, wieder ein kleines bisschen gesünder machen. Mein absolutes Lieblingsbuch war „Ronja Räubertochter“. Das habe ich immer und immer wieder gelesen. Mittlerweile fallen die Seiten heraus, aber es steht noch in meinem Bücherregal. Mein Sohn freut sich schon, wenn er es endlich lesen kann. Aber auch die Bücher von Michael Ende, Otfried Preußler und Elizabeth Goudge habe ich geliebt. Kinder- und Jugendliteratur lese ich immer noch gern und viel. Nicht nur weil ich zwei Kinder habe und selbst Kinderbücher schreibe, sondern weil wirklich gute Kinderliteratur auch im erwachsenen Alter noch Spaß macht.

Was macht ein gutes Kinderbuch für sie aus?

Als Kind erscheint einem die Welt noch so viel größer und aufregender. Man sucht seinen Platz darin und ständig erlebt oder tut man Dinge zum ersten Mal. Das ist spannend, manchmal aber auch beängstigend. Ich glaube diesen Mischmasch an Gefühlen sollte ein gutes Kinderbuch seine Leser erleben lassen, ganz egal ob es realistisch oder phantastisch ist. Und wenn dann beim Lesen der Puls schneller schlägt, man durch die Augen der Protagonisten schauen kann und sich, nachdem man das Buch am Ende zuschlägt ein kleines Stückchen stärker fühlt, dann ist es ganz sicher ein gutes Kinderbuch.

Haben Sie eine besondere Verbindung zum Wasser und speziell zum Meer oder haben andere Gründe zur Wahl des Settings von „Seeland“ geführt?

Seit ich denken kann, fasziniert mich der große blaue Ozean. Vielleicht gerade, weil ich gar keine besondere Verbindung dazu habe. Ich bin ein Berliner Großstadtkind; da wächst man mit ziemlich wenig Meer vor der Nase auf. Trotzdem hat mich schon von Klein auf alles, was mit Unterwasser zu tun hat, begeistert. Diese Faszination war so ausgeprägt, dass ich damals nach einem Buch gesucht habe, das im Meer spielt. Ich hatte sehr genaue Vorstellungen, wie diese Geschichte aussehen sollte. Auf keinen Fall sollte sie nur am Meer oder auf dem Meer spielen – ich wollte unbedingt eine Geschichte lesen, die im Meer spielt. Diesen Kindheitstraum habe ich mir mit Seeland wohl realisiert. Die Meere, vor allem natürlich die Tiefsee, sind in weiten Teilen ja noch recht unerforscht. Gerade das ist besonders schön für Autoren, es bietet viel Raum für Phantasie.

Mussten Sie für „Seeland“ viel recherchieren? Wie sah die Recherche für das Buch aus?

Oh ja, ich habe sehr viel recherchiert! Wahrscheinlich allein schon deshalb, weil mich das Meer mit seinen Bewohnern so in seinen Bann zieht. Eigentlich denkt man ja immer, in der phantastischen Literatur könnten Autoren einfach alles behaupten, selbst wenn es absoluter Quatsch ist. Aber das stimmt nicht. Wenn man eine komplette Höhlenwelt gefüllt mit Wasser entwickeln will, in der es Großstädte gibt, muss man sich um eine ganze Menge Dinge Gedanken machen. Woher kommt beispielsweise das Licht? In Seeland gibt es dafür die Lumiroks. Das sind Steine die Licht und Wärme erzeugen. Das klingt natürlich erst mal nach Unsinn. Ich habe aber bei solchen Erfindungen versucht, wenigstens fundierten Unsinn zu schreiben. Die Lumiroks basieren beispielsweise auf dem piezoelektrischen Effekt, den man aus elektrischen Feuerzeugen kennt. Der durch Vibrationen im Inneren erzeugte Strom regt die Steine durch Elektrolumineszenz zum Leuchten an. Auch wenn solche Details im Buch nicht beschrieben sind, war es mir wichtig, das die Dinge in „Seeland“ zu erklären und nachvollziehbar sind. Eine Welt, in der alles völlig unerklärlich ist, ist am Ende doch langweilig. Da kann jederzeit einfach alles passieren. Auch über das Essen und Trinken der Seeländer habe ich viel recherchiert. Auf metallenen Wasserstädten wird es schließlich schwierig sein, Ackerbau zu betreiben. Die Menschen können sich also nicht von Brot oder Kartoffeln ernähren. Die Recherche dazu, hat mir solchen Spaß gemacht, dass ich unzählige Gerichte und Getränke kreiert habe: Getränke wie Anemonensprudel, Mangrovenzisch und Algenmost, Snacks wie Quallenchips und Fischkaugummis in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Hauptgerichte bestehen beispielsweise aus gratinierten Seegurken oder Rogenaufläufen und zum Nachtisch reicht man Morchelmus. Am Ende konnte ich all die Gerichte gar nicht mehr im Buch unterbringen. Aber vielleicht mache ich daraus irgendwann ein Kochbuch mit dem Namen „Seelands feine Speisen“.

Wie lange haben Sie insgesamt an dem Buch gearbeitet?

Ich habe mit „Seeland“ nach der Geburt meines ersten Sohnes begonnen. Bald kam der zweite und ich habe am Abend oder wenn die Jungs ihre Mittagsschläfchen gemacht haben, mal hier, mal da ein Stündchen geschrieben. Auf diese Weise dauert ein so dickes Buch ziemlich lange. Zwischendrin gab es dann auch mal Pausen und ich habe auf Rückmeldungen von Verlagen, etc. gewartet. Es war ein langer Prozess. Insgesamt hat es irgendetwas zwischen drei bis vier Jahren gedauert. Aber so ist das wohl mit Herzensprojekten, sie brauchen manchmal ihre Zeit.

Was sind Ihnen die liebsten Eigenschaften an Ihren drei jungen Protagonisten Emma, Max und Ari?

Ich mag die drei sehr, nicht nur für ihre Stärken, sondern auch für ihre Schwächen. Max hat ein großes Herz und ich mag seine Nachdenklichkeit genauso gern, wie seine Unentschiedenheit in schwierigen Situationen. Emma liebe ich dafür, dass sie so cool ist. Auch dafür, dass sie die Ärmel hochkrempelt und anpackt, wenn man anpacken muss. Ihre etwas ruppige Art dabei bringt mich immer ein bisschen zum Lachen. Ari hat so etwas, was ich „Großer-Bruder-Qualitäten“ nennen würde. Instinktiv behält er ein Auge auf die, die ihm wichtig sind. Seine Großzügigkeit mag ich auch sehr, selbst wenn es ihm schwerfällt den zwei anderen auch mal was zuzutrauen.

Das besondere Vokabular, das Sie für Gegenstände in „Seeland“ verwenden, fällt beim Lesen direkt ins Auge. War Ihnen die besondere Wortwahl wichtig und wenn ja, aus welchen Gründen?

Für mich war es wirklich sehr wichtig, dass sich die Eigenheiten dieser Parallelwelt auch in den Details zeigen. Schließlich wäre es komisch, wenn die Tauchboote in Seeland den gleichen Namen wie bei uns hätten, es Landkarten aus Papier gäbe, das im Wasser ja aufweicht und die Kinder Schokolade naschen würden. Wo sollten in Seeland die Kakaobohnen nur wachsen? Genauso brauchen all diese „anderen“ Dinge auch eigene Namen und Worte um lebendig werden zu können. Ich jedenfalls habe solche Bücher als Kind geliebt und fand es großartig, wenn ich das Gefühl hatte, der Autor oder die Autorin weiß über alles noch so viel mehr, als es die Leser erfahren. Ausgeklügelte Details können eine Geschichte auf sehr besondere Art erlebbar machen. Um die Distanz zu der fremdem Welt nicht zu groß werden zu lassen, habe ich aber Brücken eingebaut, wie die „Kustohs“ die ihren Namen natürlich von Jacques Cousteau, einem meiner besonderen Helden, haben.

Warum haben Sie gerade Quallen zu den besonderen Bezugstieren der Meerjungfrauen gewählt?

Quallen sind sehr beeindruckende und auch rätselhafte Tiere. Sie gehören zu den ältesten Lebewesen unseres Planeten und wirken wegen ihrer transparenten Körper „durchschaubar“ und simpel. Da sie keine Augen haben, vermutet man eigentlich, Quallen seien blind. Dabei sind Unmengen von Sinneszellen auf ihrem Körper verteilt, mit denen sie recht gut sehen können, es nimmt nur niemand wahr. Man unterschätzt diese glibberigen Wesen und das macht sie so interessant für mich. Quallen können winzig klein und riesig groß sein, bis zu zwei Meter Durchmesser haben einige von ihnen. Das ist ziemlich imposant. Zudem sind die Tentakel einiger Quallen so giftig, dass die kleinste Berührung tödlich enden kann. Ich fand es spannend, diesen rätselhaften Tieren ebenso rätselhafte Märchenfiguren zur Seite zu stellen. Auch fand ich die Vorstellung toll, dass sie auf eine Weise miteinander kommunizieren, die außer ihnen niemand hören oder sehen kann. Kommunikation im Wasser ist ja eh eine komplizierte Sache. Die Königsfamilie Neptun verwendet im Buch beispielsweise eine Art Unterwasser-Gebärdensprache. Sie können Luftblasen zu Wörtern und Sätzen formen. Quallen und Meerjungfrauen hingegen haben ihre eigene ganz spezielle Geheimsprache.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Max Meinzold? Konnten Sie Einfluss darauf nehmen, welche Szenen im Buch mit seinen Werken bebildert wurden oder lag die Entscheidung dafür bei jemand anderem?

Meine Programmleiterin bei Arena hatte Max Meinzold von Anfang an als Illustrator für „Seeland“ im Kopf – zu meiner großen Freude, ich finde Max ist ein ganz außergewöhnlicher Illustrator. Er kann Lichtstimmungen einfangen, wie es nur wenige können. Das ist eine Kunst für sich, die seinen Illustrationen ihre besondere Tiefe verleiht. Auch legt er viel Liebe in die Details, was mir gut gefällt. Es macht Spaß mit ihm zu arbeiten. Der Verlag hat mich in vielen Dingen miteinbezogen, auch bei der Auswahl der Szenen, worüber ich sehr dankbar war. Natürlich hat der Verlag das letzte Wort, aber zum Glück hatten wir keine unterschiedlichen Meinungen zur Gestaltung des Buches. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs ziemlichen Bammel davor. Ich bin ja selbst Grafikerin und hatte insgeheim Sorge, dass das Buch auf eine Art gestaltet wird, die mir nicht gefällt. Zum Glück war aber genau das Gegenteil der Fall und die Illustrationen sind noch viel schöner geworden, als ich es gehofft hatte.

© Max Meinzold / Arena Verlag

Bekommen Sie Feedback von der Zielgruppe von „Seeland“ und falls ja, wie erreicht Sie dieses? Kommen Sie auf die Kinder (Lesungen), oder die Kinder auf Sie zu (Leserbriefe oder Buchbesprechungen online)?

Bislang erreicht mich das Feedback zu „Seeland“ hauptsächlich über meine Website, Facebook oder über Buchhändler, die mir schreiben. Und es gibt natürlich auch schon ein paar Besprechungen im Netz. Da Seeland mein Debüt ist und erst seit Januar im Buchhandel, fange ich gerade erst mit den Lesungen an. Im März lese ich zum ersten Mal aus „Seeland“ auf der Münchner Bücherschau, danach auf der Leipziger Buchmesse und in ein paar Schulen und Buchhandlungen. Ich bin schon sehr gespannt auf die Reaktionen während und nach den Lesungen.

Haben Sie bereits Folgeprojekte in Planung und dürfen sie darüber schon Näheres verraten?

Ja, das habe ich. Allerdings darf ich leider, leider noch nichts darüber verraten – auch wenn es mir wirklich schwerfällt. Ich erzähle einfach so gerne. :)

Vielen Dank für das Interview :)

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