Donnerstag, 10. Juli 2014

[REZENSION] Der Geschmack des Sommers

Redakteur: Anette Leister

Titel: Der Geschmack des Sommers (OT: Fixing Delilah)
Autor: Sarah Ockler
Übersetzer: Bernadette Ott
Verlag: cbt
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 13 Jahre
Ausführung: Taschenbuch, 416 Seiten



Autor:
Sarah Ockler lebt mit ihrem Mann in New York, und weil sie immer noch an den Spätfolgen ihrer turbulenten Teenagerjahre leidet, hat sie sich aufs Verfassen von Jugendbüchern spezialisiert. Ihre Romane wurden in der Presse gefeiert und haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. ALA's Best Fiction for Young Adults.


DER GESCHMACK DES SOMMERS

Nach einem meiner letztjährigen Lesehighlights "Verlieb dich nie in einen Vargas" habe ich mich schon seit Wochen auf neuen Lesestoff aus der Feder Sarah Ocklers gefreut.

Acht Jahre lang waren Delilah und ihre Mutter nicht mehr in Red Falls bei ihrer Großmutter zu Besuch. Bei der Beerdigung ihres Großvaters kam es zu einem Streit zwischen der Großmutter, Delilahs Mutter und deren Schwester, der zu einem völligen Bruch zwischen der Familie führte. Ein Anruf von Rachel - Delilahs Tante - führt die Familie letztendlich wieder an den Ort, den sie alle acht Jahre lang gemieden haben: die Großmutter ist verstorben und Rachel und Delilahs Mutter Claire müssen sich um die Formalitäten bezüglich der Beerdigung und der Haushaltsauflösung und des Hausverkaufs kümmern.
Die Fahrt nach Red Falls ist überschattet, doch nicht nur was den Familienstreit vor acht Jahren angeht, für den Delilah nie den Grund erfahren hat, auch die Gegenwart ist alles andere als rosig. Delilah ist ohne Vater aufgewachsen und ihre Mutter hat kaum Zeit für sie, da sie die letzten Jahre steil die Karriereleiter in ihrer Firma hochgeklettert ist und selbst auf der Autofahrt nach Red Falls Kundentelefonate führen muss.
Obwohl der Anlass für die Fahrt nach Red Falls kein erfreulicher ist, erwarten Delilah dort viele alte Bekannte, die sie sehr vermisst hat, unter anderem trifft sie schnell wieder auf ihren alten Freund aus Kindertagen, mit dem sie schon bald mehr als die frühere Freundschaft verbindet.

Little-Ricky-der-jetzt-Patrick-heißt nickt und presst Der Fänger im Roggen fest an seine Brust. "Delilah Hannaford, du hast mir damals im Sommer fast das Herz gebrochen, als du nicht mehr wiedergekommen bist". Er zwinkert mir zu.
"Ich war acht", sagte ich und folgte ihm, als er in Richtung Bootsanlegestelle geht. "Man hat mich nicht gefragt."
"Weiß ich. Deshalb habe ich auch beschlossen, dir zu verzeihen. Deswegen, und - na ja, weil du irgendwie immer noch süß bist." (S.67)

Bis auf die scheinbar üblichen Mutter-Tochter-Probleme scheint es sich bei "Der Geschmack des Sommers" zunächst noch um einen leichten Jugendroman zu handeln, der Teenagerprobleme behandelt und die erste Liebe, doch wer bereits ein Buch von Sarah Ockler gelesen hat, ahnt bereits, dass die Geschichte viel mehr zu bieten hat, und auch Ockler-Neulinge merken schnell, dass die Gründe für den damaligen Familienstreit auf schwerwiegenden Problemen beruhen.
Schon vor dem Tod des Großvaters, bei dem sich die Familie im Streit entzweite, war das Familienglück getrübt, denn im Alter von neunzehn Jahren - etwa ein Jahr vor Delilahs Geburt - starb ihre jüngste Tante. Delilah weiß kaum etwas von ihr, denn ihre Mutter und Tante Rachel möchten nicht über die Vergangenheit reden.

Patrick hat gesagt, dass Grandma an einem Herzinfarkt gestorben ist, aber vielleicht hätte sie noch viel länger leben können, wenn sie glücklicher gewesen wäre. Vielleicht hätte dann auch unsere Familie wieder zusammenfinden können, wer weiß. Hätte sie doch manchmal so lachen können, wie Grandpa immer über meine erfundenen Geschichten gelacht hat. Trotz Stephanies Tod. (S.112)

Im Laufe der Geschichte findet Del immer mehr Puzzleteilchen, die Hinweise auf das Leben und den Tod ihrer Tante Stephanie geben und die sie auch das Verhalten ihrer Großmutter und ihrer Mutter besser verstehen lassen. Unter anderem findet sie das verschollen geglaubte Tagebuch ihrer verstorbenen Tante, doch die Einträge geben nicht nur Antworten, sondern werfen auch neue Fragen auf.
Der Weg, bis die Familie wieder zusammenfindet und Delilah erfährt, was in der Vergangenheit passiert ist und dank dieses Wissens besser mit ihrer gegenwärtigen Situation umgehen kann, ist lang, und kostet sie beinahe ihre wichtigste Freundschaft.

Sarah Ockler hat es nach "Verlieb dich nie in einen Vargas" wieder geschafft mich total begeistert zurückzulassen. Obwohl sie durchaus sehr schwierige Themen behandelt - in dieser Geschichte geht es unter anderem um Depressionen - und häufig ein melancholischer Ton mitschwingt, besitzt sie die Gabe alles in einem lockerleichten Schreibstil zu erzählen und neben all den Schwierigkeiten und Problemen, mit denen sich ihre Protagonisten auseinandersetzen müssen, die kleinen Dinge in ihre Geschichten einzuflechten, die das Leben schön machen. Sei es Patricks Liebe zur Musik, oder Dels Besuche in Lunas Kaffee, wo sie sich mit der gleichaltrigen Emily anfreundet. Neben den Protagonisten gewinnt man auch Red Falls lieb. Sarah Ockler findet immer genau den richtigen Weg zwischen detaillierten Beschreibungen, dass man sich direkt an den Ort des Geschehens versetzt fühlt, ohne die Szenen zu überladen, so dass man immer auch das Kopfkino nebenbei laufen lassen kann.
Am Ende ist man fast ein bisschen wehmütig die Charaktere und Red Falls verlassen zu müssen, aber ich bin mir sicher, dass die Bücher von Sarah Ockler zu denen die gehören werden, die ich nicht nur einmal lesen werde, oder zumindest ab und an durchblättern werde, weil sie so unheimlich schöne und tiefgehende Textpassagen enthalten.
Sarah Ocklers Geschichten sind realistisch geschrieben, am Ende ist eben nicht immer alles gut, aber doch so tröstlich und "happy ending", wie es mit der Familiengeschichte von Delilah und ihren Angehörigen und Freunden nur werden konnte.

Sarah Ockler ist die Meisterin traurig-melancholisch-schöner Familien- und Freundschaftsgeschichten, in denen man sich zu gerne verliert, aber auch ganz viel an Weisheit und Werten findet, die man auf das eigene Leben münzen kann.

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