Freitag, 6. Juni 2014

[REZENSION] Friesensommer

Redakteur: Christiane Demuth

Titel: Friesensommer
Autor: Janne Mommsen
Übersetzer: -/-
Verlag: Rowohlt
Reihe: -/-
Ausführung: Broschur, 320 Seiten



Autor:
Janne Mommsen, Jahrgang 1960, hat in seinem früheren Leben als Krankenpfleger, Werftarbeiter und Traumschiffpianist gearbeitet. Inzwischen schreibt er überwiegend Drehbücher und Theaterstücke. Mommsen hat in Nordfriesland gewohnt und kehrt immer wieder dorthin zurück, um sich der Urkraft der Gezeiten auszusetzen. Passenderweise lebt die Familie seiner Frau seit Jahrhunderten auf der Insel Föhr.


FRIESENSOMMER

Gerade als Maike wieder dabei ist einen Mann an ihrem Leben teilhaben zu lassen, begegnet sie Harry, der vor 40 Jahren Föhr und somit auch sie Hals über Kopf verlassen hat und nie wieder von sich hat hören lassen. Schlagartig wird sie in ihr damaliges Leben zurück katapultiert, Erinnerungen werden wach, schöne, aber auch sehr schmerzhafte. Im Grunde ging es ihr gut, sie hatte den Sommer Ende der Sechziger schon fast vergessen, oder besser gesagt verdrängt, da taucht der Kerl, der ihr Leben durcheinander gebracht hat, plötzlich wieder auf. Warum jetzt?

Die dunkle Wetterfront hat Föhr nun endgültig erreicht, es fängt an zu tröpfeln. Sein Holzfällerhemd und die Jeans sind natürlich die denkbar schlechteste Kleidung für das einsetzende Gewitter. Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Neugierig geht er auf das Schild zu. Bevor er zum Hotel zurückfährt, möchte er doch wissen, wer der neue Eigentümer des Hauses ist. Was er liest, fährt ihm wie ein Faustschlag ins Gesicht:
Maike Olufs, Ärztin für Allgemeinmedizin.
Das kann nicht wahr sein! (S. 34f)

Wer wünscht sich nicht, dass eine Liebe ein Leben lang hält. In guten wie in schlechten Zeiten, das ist es doch, worauf vor allem junge Mädchen, um es einmal klischeehaft zu sehen, hoffen. Wenn zwei Liebende durch tragische Umstände plötzlich getrennt werden und sich erst nach Jahrzehnten wiederbegegnen, sollte am Besten alles so sein wie vorher, als hätte es die lange Zeit dazwischen nie gegeben. Aber kann das wirklich funktionieren? Entwickeln wir uns nicht alle weiter und womöglich in ganz andere Richtungen, als es gewesen wäre, hätte es keine Trennung gegeben? Spekulieren lässt sich viel und mit Sicherheit gibt es diverse Erfahrungsberichte, in „Friesensommer“ kann man ein solches Ereignis nachvollziehen, und zwar in diversen Zeitebenen.

Hier wird nämlich sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart behandelt. Das Schöne daran ist, dass man die Charaktere zu den beiden relevanten Zeiten kennenlernt und sich nicht nur auf Erinnerungen verlassen muss, die verständlicherweise so manches Mal etwas anders daherkommen als die tatsächlichen Ereignisse waren. Durch diese Form der Erzählung ist es dem Leser aber möglich die Entwicklungen der Personen nachzuvollziehen und ihr Handeln in so mancher Situation besser einschätzen und verstehen zu können. Überhaupt fühlt man sich so viel mehr mit der Geschichte verbunden, egal ob man die 60er selber erlebt hat oder nicht, die Atmosphäre kommt sehr gut herüber und man fühlt sich zurückversetzt in die Flower-Power-Zeit, die gar nicht immer und überall so rosig war wie häufig geschildert.

Die regelmäßig stattfindenden Zeitsprüngen halten das Tempo innerhalb der Geschichte hoch und veranlassen den Leser dazu, das Buch nicht mehr zur Seite legen zu wollen. Man taucht vollkommen ein in die Geschichte und möchte unbedingt wissen wie es weiter geht. Von Zeit zu Zeit wird mit Cliffhangern gearbeitet, die dem Geschehen die benötigte Spannung verleihen. Natürlich hat jeder seine eigenen Vorstellungen von der Weiterführung der Geschichte, doch wie es sich schlussendlich tatsächlich zuträgt, erfährt man erst ganz zum Schluss. Mit Sicherheit lassen sich einige Ereignisse vorhersehen, vor allem wenn man die Charaktere und ihre Entwicklung konzentriert verfolgt, dennoch gibt es aber auch immer wieder Passagen, die man so nicht erwartet hätte. Zum Ende hin hätte man sich vielleicht dann doch noch eine Wendung beziehungsweise Überraschung mehr gewünscht. So wie sich der Abschluss darstellt ist er zwar absolut stimmig im Gesamtgeschehen gesehen, es fehlt nur irgendwie der letzte Pfiff, um perfekt zu sein.

„Friesensommer“ ist eine locker leichte Lektüre, die den Leser für ein paar Stunden an die Nordsee entführt. Es wird ein wundervolles Bild von Föhr gezeichnet, ohne dass das einfließende Lokalkolorit zu sehr auftragen würde. Es ist immer eine kleine Reise, ein Buch zu lesen, und wenn man hier die Augen schließt, kann man sogar das Meer hören und riechen.

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