Samstag, 30. November 2013

[REZENSION] Die besseren Wälder

Redakteur: Anette Leister

Titel: Die besseren Wälder
Autor: Martin Baltscheit
Illustrator: Martin Baltscheit
Verlag: Beltz
Reihe: -/-
empfohlenes Lesealter: ab 12 Jahre
Ausführung: Hardcover, 240 Seiten



Autor und Illustrator:
Martin Baltscheit, geboren 1965 in Düsseldorf, studierte Kommunikationsdesign an der Folkwangschule Essen. Im Anschluss tätig als Comic-Zeichner, Illustrator, Schauspieler, Kinderbuch-, Prosa-, Hörspiel- und Theaterautor. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Für die große Neuausgabe der Dschungelbücher als Buch und Hörbuch (bei HÖRCOMPANY) bündelte er seine zahlreichen Talente. Martin Baltscheit lebt mit seiner Familie in Düsseldorf.


DIE BESSEREN WÄLDER

"Die besseren Wälder" ist eine moderne Fabel über Integration, Vorurteile und die Frage, ob Veranlagung oder Erziehung für die Entwicklung eines Menschen verantwortlich ist.

Die Geschichte war zunächst ein Theaterstück, welches 2010 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet wurde. Nun liegt sie als illustrierter Roman in opulenter Ausstattung vor: Martin Baltscheit zeichnet sich neben der Fabel auch für die großartigen teils ganzseitigen Illustrationen in diesem Buch aus.

Martin Baltscheit hat die Geschichte in ein metaphorisches Gewand gekleidet, hier spielen keine Menschen die Rolle, sondern Wölfe und Schafe, wobei es hier genauso gut um verschiedene Religionen oder Völkergruppen gehen könnte. Die Distanz, die die tierischen Verkörperungen schaffen, dienen meines Erachtens dazu, sich nicht in einer bestimmten Rolle wiederzufinden, sondern alle Seiten gleichermaßen von außen und mit einer gewissen Objektivität zu betrachten.

Das Wolfsjunge Ferdinand verliert auf der Flucht in die besseren Wälder seine Eltern. Bei den Schafen findet er unerkannt als "Wolf im Schafspelz" ein neues Zuhause, denn das ungewollt kinderlose Paar Frauke und Wanja nimmt sich des Waisenkindes an. Ferdinand hat eine glückliche Kindheit, doch als er sich in das Schafsmädchen Melanie verliebt und die eines morgens ermordet neben ihm aufgefunden wird, steht für jeden fest: nur Ferdinand kann der Mörder gewesen sein, denn sein wahres Wesen kann keiner verstecken, Änderung und Anpassung scheint unmöglich.

Martin Baltscheit spielt gekonnt und tiefgründig mit der Macht von Vorurteilen. Schwarzweißmalerei bekommt bei ihm eine komplett neue Dimension: zum einen spielt er mit hell und dunkel bei der farblichen Gestaltung des Buches. Dies fängt bereits bei Schutzumschlag und bedrucktem Hardcover an. Je eine Hälfte ist weiß, die andere schwarz gehalten. Beim Schutzumschlag ist die Vorderseite weiß, der Rücken schwarz, bei dem Hardcover darunter verhält es sich genau umgekehrt. Die Spielerei setzt sich fort bei den Tieren, die die Rollen in dieser tiefsinnigen Geschichte verkörpern. Zum einen die Schafe, die in den besseren Wäldern wohnen, zum anderen die Wölfe. Des weiteren spielt ein ungleiches Freundespaar im Laufe der Handlung eine wichtige Rolle, Bär und Gans, die sich selbst als Biene und Fuchs sehen. Wenn man kurz darüber nachdenkt, stellt man fest, dass es sich wie bei der Paarung Schaf und Wolf, um Opfer und Jäger, beziehungsweise Konsument und Lieferant (Biene und Bär) handelt.

Die Geschichte ist durchtränkt mit Ernsthaftigkeit und Grausamkeit, doch zwischendurch spielt auch (schwarzer) Humor immer wieder eine Rolle. "Die besseren Wälder" ist kein Buch zur reinen Unterhaltung und es ist eine Geschichte, die sich nur Stück für Stück entdecken lässt. Nach einmaligem Lesen habe ich lange nicht das Gefühl, alles entdeckt und verstanden zu haben, was der Autor mir damit auf den Weg geben wollte. Besonders der Schluss legt nahe, dass Martin Baltscheit die Leser seiner Geschichte in gewissem Grade allein mit ihren Gedanken stehen lassen will, dazu gezwungen über das Gelesene nachzudenken, sich damit nachhaltig zu beschäftigen und das Buch auf jeden Fall ein weiteres Mal zur Hand zu nehmen. Das werde ich mit Sicherheit tun, denn ich weiß jetzt schon, dass ich bei einem zweiten Lesen noch weitere "Wahrheiten" herauslesen oder vielleicht einige Sachen anders sehen werde als beim ersten Mal. "Die besseren Wälder" lassen mich nachdenklich, aber  stellenweise auch ratlos zurück, und trotzdem kann ich das Buch nur mit der besten Bewertung auszeichnen, denn es rüttelt wach, es regt zum Nachdenken an und ist in Wort und Bild ein wahrhaftes Kunstwerk!

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