Dienstag, 10. Januar 2012

[REZENSION] Die Entführung

Titel: Die Entführung (OT: Blood Red Road)
Autor: Moira Young
Illustrator: -/-
Übersetzer: Alice Jakubeit
Verlag: Fischer FJB
Reihe: Dustlands 1
empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
Ausführung: Hardcover, 449 Seiten



Autor:
Moira Young, geboren und aufgewachsen in British Columbia im Westen Kanadas, trat als Schauspielerin und Opernsängerin in Kanada und Europa auf. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Bath, England. "Dustlands – Die Entführung" ist ihr erster Roman.


DIE ENTFÜHRUNG
Wenn man Lugh und mich zusammen sieht, würd man nicht drauf kommen, dass wir verwandt sind.
Man würd nie drauf kommen, dass wir zusammen im selben Mutterleib gewesen sind.
Er hat goldene Haare. Ich schwarze.
Blaue Augen. Braune Augen.
Stark. Mager.
Schön. Hässlich.
Er ist mein Licht.
Ich bin sein Schatten.
Lugh strahlt hell wie die Sonne.
Das hat es denen bestimmt leicht gemacht, ihn zu finden.
Sie haben nur seinem Licht folgen müssen.
Inhalt:
Saba und ihr Zwillingsbruder Lugh wachsen in einer Zukunft auf, in der das Leben hart und beschwerlich ist. Sie leben am abgelegenen Silverlake. Ihr Vater hat sich in sich zurückgezogen, nach dem Tod seiner Frau, die im Wochenbett der jüngsten Tochter Emmi starb. Obwohl mein meinen sollte, dass Familienbande eng geknüpft sind, in einer unmenschlichen und kargen Umgebung, so trifft das nur auf die sehr eng miteinander verbundenen Zwillinge Saba und Lugh zu. Lugh wirft seinem Vater Resignation vor, Saba ihrer Schwester Emmi Schuld am Tod der Mutter zu sein. Lugh spricht davon seine Familie zu verlassen, denn im Gegensatz zu seinem Vater, der den Silverlake wegen den mit seiner Frau verknüpften Erinnerungen nicht verlassen will, sieht er dort keine Zukunft mehr. Doch eines Tages kommt alles anders als geplant. Die Familie wird von einer Horde bewaffneter Reiter überfallen, die Lugh entführt und Sabas Vater tötet. Saba kennt nur ein Ziel: egal, wohin der Weg führt, egal wie beschwerlich und weit er sein wird, sie muss Lugh retten!
Sabas Weg führt durch ein Land, dass von einem verrückten König regiert wird und die Bevölkerung von einer Droge beherrscht wird. Ihr Weg zur Rettung Lughs ist mehr als steinig. Zunächst erweist sich nur ihre ungeliebte und unselbstständige kleine Schwester als Störfaktor und Bremse, die sie eigentlich bei einer entfernten Nachbarin zur Beaufsichtigung geben wollte, doch auch Emmis Liebe zu Lugh ist groß und ihr kleiner Schädel erweist sie schon bald als genauso dickköpfig wie der ihrer großen Schwester. Den beiden bleibt jedoch keine Zeit sich zusammenzuraufen, denn hinterlistige Nomaden überlisten die zwei, so wird Emmi zur Haushaltshilfe und die starke und unbeugsame Saba muss als Kämpferin in die Arena der Stadt Hopetown ziehen, wo ihre Liebe zu Lugh gleichzeitig der Wille zu überleben ist. Noch weiß sie nicht, wie sie ihrem Schicksal entfliehen soll, aber in Hopetown wachsen nicht nur die beiden Schwestern zu einer Gemeinschaft zusammen, Saba trifft dort auch auf einen Jungen, der ihr Herz ungewollt höher schlagen lässt und eine Gruppe Rebellinnen, die Saba auf ihre Seite ziehen wollen, um eine der ihren aus den Käfigkämpfen zu befreien. Kann Saba ihren neuen Bekannten trauen oder erwartet sie hier widerum nur eine neue Falle?

Kritik:
Die Freude über das stimmige und wunderschöne Design des Buches, dessen Schutzumschlag reliefartige Risse aufweist wie ausgetrocknete Erde, wurde sehr schnell von einem Schrecken über die Sprache abgelöst: die gesamte Geschichte ist in der umgangssprachlichen Ausdrucksweise des Mädchens Saba verfasst, das augenscheinlich wenig Bildung und Kontakt zur Außenwelt genossen hat, und weist über die komplette Länge keine direkt ausgezeichnete wörtliche Rede auf. Diesen Schock musste ich erstmal verdauen. Ich dachte zunächst, dass es eine lange und umständliche Quälerei wird mir dieses Buch einzuverleiben, aber schon bald habe ich meine Meinung revidiert und verstehe und schätze die Beweggründe, die die Autorin Moira Young dazu bewegte dieses außergewöhnliche Stilmittel zu wählen. Ihre Intension war Saba eine Stimme zu geben, die ihre Geschichte direkt und einfach erzählt und zu ihren Erlebnissen und den Figuren passt. Diese Rechnung geht auf. Durch die ungeschnörkelte und charakterisierende Sprechweise, wirkt die Ich-Erzählerin Saba beinahe zum Greifen authentisch. Sie schildert ihre Reise in der Gegenwart und die direkte und dennoch bildhafte Sprache lassen das Endzeitszenario vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Dazu kommt noch, dass die gerade mal neun Kapitel des Buches mit den Wegabschnitten der Protagonistin übertitelt sind, so dass man ihre Abenteuer und Erlebnisse wirklich Schritt für Schritt aus erster Hand miterlebt und beinahe am eigenen Leib spürt. Im Buch kamen einige Stellen vor, bei denen es mich wirklich geschüttelt hat vor Wut und Zorn, und das können nur wenige Bücher!
Noch eindringlicher als die blutigen und brutalen Stellen der Geschichte, in denen von Unterdrückung, Kampf und Krieg die Rede ist, waren für mich jedoch die Episoden, in denen Liebe, Freundschaft und Familienzusammengehörigkeit im Vordergrund stehen.
Gerade weil die Charaktere teils kantig sind und auch unsympathische Charakterzüge besitzen, wachsen sie einem umso schneller ans Herz. Man kann es nicht gutheißen, wie Saba zu Beginn der Geschichte ihre kleine Schwester ablehnt, aber irgendwo hat man auch Verständnis für ihre Situation. Genauso, wie Emmi einem wirklich auf die Nerven geht, weil sie nicht auf die Ratschläge anderer hört und die Suche nach Lugh verzögert, dennoch bewundert man den Mut des kleinen Mädchens, die wie ihre große Schwester auch von der Liebe zu ihrem Bruder getrieben wird.
Obwohl Moira Young in ihre Dustlands-Reihe eine Liebesgeschichte eingearbeitet hat, kommt diese wunderbar erfrischend und völlig kitschfrei daher. Saba und Jake sind zwei starke Persönlichkeiten mit ihrem eigenen Kopf und ihre Kappeleien bringen eine Prise Humor in die ansonsten recht harte Story und einen Hauch Romantik durch die wunderschöne Sage des Herzsteins, der die beiden zusammenführt. Die geradlinigen und ehrlichen Rebellinnen der Free Hawks zeigen Saba wie wichtig Vertrauen und Freundschaft ist, und dass Zusammenarbeit und Teamwork meistens mehr Erfolg bringt als der Kampf als Einzelkämpferin. Gerade diesen Aspekt der Geschichte fand ich sehr berührend, weil Saba außer ihrem Bruder und ihrem Raben Nero nie wirklich Vertrauen geschenkt hat, und deshalb sehr lange braucht, um sich für Freundschaften zu öffnen und mehr als einmal hinterfragt, ob sie wirklich Hilfe bekommt ohne das eine Gegenleistung verlangt wird. Ich denke, diese Selbstablehnung, unter der Saba manchmal leidet, und die schon zu Beginn der Geschichte durchblickt, wenn sie Lugh als Licht und sich selbst als Schatten sieht, ist der Hauptgrund, warum einem dieser zunächst so spröde und hart wirkende Charakter so schnell ans Herz wächst: man merkt einfach von Beginn an, dass es nur Fassade ist.

Fazit:
Der spannende Auftakt einer neuen Endzeitsaga, die mit interessanten und recht skurrilen Charakteren aufwartet und eine Welt vor Augen zeichnet, die einer Verfilmung würdig ist. Moira Young hat es geschafft eine karge vertrocknete Landschaft mit lebendigen Charakteren zu bevölkern und bis auf Lugh, der durch sein spärliches Auftauchen im ersten Band noch relativ blass als Person bleibt, kann ich mich kaum für einen Lieblingscharakter entscheiden, ich finde sogar Moira Youngs Schurken erstklassig und toll!
"Die Entführung" endet größtenteils in sich abgeschlossen, so dass man ohne Cliffhanger auf die Fortsetzung, die erst 2013 erscheint, warten muss. Allerdings deuten sich auf den letzten Seiten und dem Ausblick zur Fortsetzung einige Sachen an, die die Neugier des Lesers anheizen...

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