Samstag, 24. Dezember 2011

[KREATIVES] Weihnachten nach dem Krieg

Nach Erinnerungen meiner Großmutter Barbara Maurer 1903-1998

Ich wache gegen sechs Uhr morgens auf. In unserem Zimmer, das ich mit vier von meinen sieben Geschwistern teile, ist es eisigkalt. Ich heiße Barbara und bin jetzt 16 Jahre alt. Eigentlich waren wir Zuhause neun Schwestern, aber Lisa ist vor neun Jahren gestorben und meine drei ältesten Schwestern sind schon von Zuhause ausgezogen. Jetzt wohnen nur noch Anne, Lotte, Eva, Melita und ich bei unseren Eltern.
Ich versuche jetzt vergeblich wieder einzuschlafen, denn ich spüre, wie die Kälte langsam durch meine dünne Decke kriecht. Meine Finger sind fast gefühllos. Ich hauche in meine hohlen Hände, um sie dadurch zu erwärmen. Nun bin ich hellwach. Da die Kälte nicht mehr auszuhalten ist, steige ich leise aus meinem Bett und laufe auf Zehenspitzen – um meine Geschwister nicht zu wecken – in die Küche, den einzigen Raum im Haus, der wohlige Wärme verbreitet. Meine Mutter ist schon lange wach und beginnt nun die täglichen Hausarbeiten in Angriff zu nehmen. Mein Vater liegt jetzt sicher noch im Bett, um seinen Rausch auszuschlafen. Er ist von Beruf Metzger. Wenn er in der Nachbarschaft gearbeitet hat, trinkt er abends nicht selten ein paar Schnäpse mit seinen Bekannten und kommt daher oft angetrunken nach Hause. Doch meine Mutter lässt sich von diesem Problem nicht unterkriegen.
Der Frühstückstisch ist jetzt gedeckt. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten, geht es uns nicht einmal so schlecht, denn wir haben noch einige Hühner und auch eine Kuh. Doch auch bei uns sieht man deutlich, dass kurz nach dem Krieg die Lebensmittel immer noch sehr knapp sind. Meine Mutter markiert jeden Morgen die Stelle des Brotes, bis zu der es aufgeschnitten werden darf mit einem Stück Kreide. Und auch Holz und Kohle sind sehr knapp. Nicht umsonst bleiben unsere Schlafzimmer auch bei größter Kälte ungeheizt. Viele Bäume werden in diesen Tagen ausgemacht, um wenigstens zu einer kleinen Menge Brennholz zu gelangen.
Beim wiederholten blick auf die Küchenuhr stelle ich fest, dass es Zeit für mich ist zur Schule zu gehen. Auf dem Weg zur Schule muss ich am Friedhof vorbeigehen. Der Totengräber ist auch heute wieder am Ausheben eines Grabes anzutreffen. In der letzten Zeit sind viele Säuglinge und Kleinkinder an Lungenentzündung oder Grippe erkrankt. Viele von ihnen habe ihre Krankheit nicht überlebt, täglich sterben weitere.
Einige Minuten später treffe ich meine Freundinnen Grete und Bauet. Wir gehen jeden Morgen zusammen zur Schule. Heute haben wir in der ersten Stunde Singen und die Jungen haben Sport. Oft singen wir das Lied "Der Russenschreck" und nun, da wir in der Adventszeit sind, kommen viele alte und neue Advents- und Weihnachtslieder hinzu. In der vierten Stunden unterbreitet uns unser Lehrer eine große Neuigkeit: in Wörrstadt kann man heute Mittag umsonst Kohlen bekommen, daher bekommen wir schon zwei Stunden früher aus. Normalerweise gehen wir, um etwas Heizmaterial zu bekommen, jeden Nachmittag an die Bahngleise, die an Sulzheim vorbei führen und sammeln dort die Kohlenstücke und die Schlacke ein, die aus dem Tender gefallen sind. Doch an diesem Tag gehen meine beiden Freundinnen und ich – jede mit einem kleinen Handkarren versehen – zusammen nach Wörrstadt, um dort an Kohle zu kommen. Als wir etwas eine halbe Stunde später in Wörrstadt eintreffen, sind schon viele Leute vor uns angekommen. Die anderen und wir rütteln am Waggon, in dem sich die Kohle befindet. Damit wird eine alte Frau umgeschmissen und fällt dabei unglücklich auf ihr Bein. Darum kümmert sich aber kaum einer, alle sind nur verrückt nach den Kohlen. Als wir zwei Stunden später wieder zuhause sind – verschwitzt und verdreckt von oben bis unten – aber wir drei aber doch eine ordentliche Menge Kohle für uns beanspruchen können. Allerdings muss ich jetzt immer noch an die Frau denken, und daran, dass auch ich ihr nicht geholfen habe. Aber so sind die Zeiten jetzt nach dem Krieg. Jeder muss für sich allein und um sein eigenes Leben kämpfen. Für andere bleibt da meistens nicht viel Platz.
Am nächsten Tag schlafe ich mich aus, denn ich habe heute keine Schule. Meine Mutter möchte heute noch anfangen Plätzchen zu backen, deshalb gehe ich zur Mittagszeit mit einem kleinen Säckchen Weizen zur Wallertheimer Mühle, um den Weizen dort mahlen zu lassen. Es sind etwa zwei Kilometer bis dorthin, aber es macht Spaß durch die tiefverschneite Landschaft zu laufen. Einmal in der Mühle, muss man darauf achten, nicht mit dem Getreide erwischt zu werden, denn es ist nicht mehr erlaubt dort Mehl mahlen zu lassen. Oft drehen wir deshalb zuhause unser Getreide durch die Fleischmühle meines Vaters, aber dieses Mehl ist dann so grob, dass es sich nur zum Brot backen eignet.
Eine Woche vor Weihnachten fahren meine Schwester Lotte und ich mit dem Zug nach Mainz-Gonsenheim, um unseren Verwandten in der Stadt Eier zu bringen. Wir haben die Eier auf den Boden einer großen Einkaufstasche gelegt und darüber viele andere Sachen gestopft, um nicht bei einer Kontrolle erwischt zu werden. Als wir in Mainz aus dem Zug aussteigen, gibt mir meine Schwester die Tasche, denn sie hat immer große Angst, dass man es ihr ansehen könnte, dass sie ein dutzend Eier durch die Kontrolle schmuggeln will. Aber mir macht es irgendwie Spaß. Ich könnte mich wirklich halb tot lachen, wenn die Soldaten den Kram durchwühlen, den ich über die Eier gelegt habe. Ich glaube, die meisten von ihnen sind einfach zu dumm, um auf die Idee zu kommen, ganz unten im Korb nachzusehen. Und einige sind vielleicht froh, wenn irgendjemand es wieder schafft etwas durch die Kontrolle zu bringen. Soldaten sind eben genauso Menschen wie jeder andere auch. Auf jeden Fall haben Lotte und ich uns noch einen schönen Tag in Mainz gemacht, und sind dann abends wieder mit dem Zug zurück nach Wörrstadt gefahren, um von dort aus nach Hause zu gehen.
Noch zwei Tage bis Weihnachten. Heute haben mein Vater und ich einen kleinen Weihnachtsbaum gekauft. Die Weihnachtsbäume werden jedes Jahr von einem Mann auf dem Kirchplatz für etwa fünfzig Pfennige verkauft. Wir schmücken unseren Weihnachtsbaum jedes Jahr mit alten Kugeln und selbstgebackenen Plätzchen, die aber meistens schon vor dem Heiligen Abend fortgegessen sind. Obwohl es zu Weihnachten nie Geschenke gibt, ist es doch jedes Jahr sehr schön. Als meine Geschwister und ich noch kleiner waren haben unsere Eltern jedes Jahr zu Weihnachten die alten Spielsachen hervorgeholt, und wir haben uns jedes Mal so darüber gefreut, als hätten wir neue bekommen. Am Morgen des 25.12. gehen wir um fünf Uhr in die Frühmesse. Ich danke Gott jedes Mal auf Neue, dass ich ein Jahr im und nach dem Krieg erlebt und überlebt habe.

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